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3. Dezember 2009

Wo das Denken (v)erlernt wird

Studierende wissen genau, dass sie einem grossen Zeitaufwand und konsequenter Disziplin zugestimmt haben und damit verbundene Freizeitabstriche und andere Entbehrungen hinnehmen müssen. Die Materie aber bereitet uns Spass, deswegen studiere auch ich immer noch Medizin.

Trotzdem nenne ich mich selber selten Medizin-Studentin. Besonders in Bolognadebatten ist es ein Gräuel: Da scheinen politische VertreterInnen eine Medizinstudierende vor allem mit dem Mehraufwand zu assoziieren, der ohne weiteres zu akzeptieren sei, weil Medizin-Menschen eben viel auswendig lernen müssen, um eine solide Basis zu erhalten. Zudem seien sie nach dem Studium gut auf einen Beruf zugeschnitten. Das muss ich unbedingt damit ergänzen, dass auch die gelernten Tatsachen bzw. Strukturen nur in einem überdachten Ganzen Sinn machen und dass das Wissen nur dann Früchte trägt. Deswegen wäre mir lieber, sie dächten bei unsereinen zum Beispiel eher an den Umgang, den eine Ärztin-Patientinnen-Beziehung angenehm macht.

In nicht primär politischen Diskussionen äussern sich meine GesprächspartnerInnen dazu oft: Es sei ihnen wichtig, von ihrer Ärztin ernstgenommen, also als Person anerkannt zu werden – und nicht unbedeutende Trägerin einer zu behandelnden Krankheit zu sein. Diese Fähigkeit springt mir nicht aus den Büchern entgegen, sondern wächst mit der persönlichen Reife durch Erfahrungen, Austausch und Reflexion und verleiht der zugeschnittenen Medizinstudentin erst die richtige Form.

Als dürfte man den eigenen Sinnen nicht mehr trauen 02.Dezember 2009: KOH-B-10: Als dürfte man den eigenen Sinnen nicht mehr trauen

Diesen Aspekt hat Herr Fischer gestern grosszügig übersehen. Ich finde keine treffenden Worte, um das Gefühl zu beschreiben, das mir den Magen zusammengezogen hat, als der Rektor sich anmasste, jemandem, der seiner Berufung durch das Medizinstudium folgt und sich dazu äusserte, zu unterstellen, dass dieser wohl das falsche studiere! Als wollte er sagen: Wagt es nicht kritisch über Eure Ausbildung nachzudenken und schon gar nicht Euch dazu zu äussern…

Das wollte ich mir nicht antun lassen. Deshalb vielen Dank, demjenigen, der als erster “eines schon immer verschult-gewesenen Studiengangs” einmal mehr darauf hingewiesen hat, dass keine Zeit zum Weiterdenken vorgesehen ist und damit gezeigt hat, dass es trotzdem möglich ist! Dieser Aussage wegen applaudieren wir, liebe Frau Aeppli, nicht wegen der benutzten Worte. Wir wollen noch frei denken, solange wir können.

Verfasst von ..hippie und abgelegt unter: Mein Leben und Bologna

22. November 2009

Uni für Asylsuchende

Freitagnachmittag, im gummibärenbunten Hörsaal KOH B-10 der besetzten Uni Zürich

Gut siebzig Personen werden mit Applaus im Foyer West der Universität Zürich empfangen – Asylsuchende aus den verschiedensten Ländern. Neugierig gehen sie die Treppe hinunter und besetzen die Bänke des bunten Hörsaals. Gleich zu Beginn ist alles in Bewegung: einige Silben werden auf grünen Zetteln verteilt und die betreffenden Personen gehen nach vorne. JU-ZIN-SCHICH-RA-ME-DUNG-DI-TEG-END-JU-DUNG-BIL. Schon werden die übrigen Lernenden aufgefordert, aus den aufgestellten Personen Wörter zu bilden, z.B. “Medizin” Was ist Medizin? “Medikamente, Arzt, krank, Ärztin, Forschung” wird sofort geantwortet und so wird ein Begriff nach dem anderen gebildet und kurz erörtert.

Nachdem alle Personen mit den Silben in der richtigen Reihenfolge stehen, setzen sie sich wieder.

Gespannt wartet der Saal wie es weiter geht – Stille. Die grosszügige Umgebung wird in jeder Hinsicht genutzt: Jeder soll den Kontakt mit den Studierenden suchen. Blätter werden ausgeteilt und miteinander wird besprochen wie ein Interview geführt wird: Ein Interview unter Kollegen, um Kontakte zu knüpfen – nicht so eines wie in Bern auf dem Bundesamt für Migration. Mit diesem Auftrag schwärmen die Personen aus, verteilen sich an der Uni, um in zehn Minuten wieder zurück zu sein.

Verschiedene Erfahrungen werden mit den Studierenden gemacht: Viele antworteten, sie hätten keine Zeit oder seien gerade am Gehen, andere hätten bereitwillig Auskunft gegeben: Wie sie heissen, was sie studieren, weshalb sie die Uni besetzen.

Zum Abschluss bedanken sich die Moderatoren für die eindrückliche Disziplin und Aufmerksamkeit. Ein schönes Bild, diese motivierten Gesichter einmal zwischen universitären Bänken zu sehen.

Den Sans-Papier eine Stimme geben

Anschliessend an die Besetzung der Predigerkirche im Winter 2008 kam von den Sans-Papier der Wunsch auf, Deutschkurse besuchen zu können. Improvisiert begannen darauf zwei Personen in einem besetzten Haus an der Manessestrasse Deutsch zu unterrichten. Mehrere Lokalitätenwechsel fanden statt und immer mehr Teilnehmende schlossen sich an. Dem entsprechend wurde auch das Moderatorenteam ergänzt, ein grössere Raum wurde benötigt, administrative Aufgaben fielen an, und schliesslich wurde im Sommer 2009 der Verein “Bildung für alle” gegründet. Nach der neuen Weisung, dass Leuten mit einem N-Ausweis (Asylsuchende mit einem noch laufenden Verfahren) keine Deutschkurse mehr bezahlt werden, schnellte die Anzahl der Kursteilnehmenden auf etwa hundert Leute hoch. Die Teilnahme des Kurses ist gratis, es wird aber eine Teilnahme auch am Vereinsleben erwartet.

Zur Zeit werden die Kurse an der Autonomen Schule Zürich (ASZ) durchgeführt, mit der eine sehr enge Zusammenarbeit besteht, wie auch mit dem Bleiberecht Kollektiv. Da die Personen im Asylwesen bereits integriert sind, ist das Ziel des Vereins diesen Personen nun endlich eine Stimme zu geben.

Verfasst von ..hippie und abgelegt unter: Mein Leben und Bologna
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