Freitagnachmittag, im gummibärenbunten Hörsaal KOH B-10 der besetzten Uni Zürich
Gut siebzig Personen werden mit Applaus im Foyer West der Universität Zürich empfangen – Asylsuchende aus den verschiedensten Ländern. Neugierig gehen sie die Treppe hinunter und besetzen die Bänke des bunten Hörsaals. Gleich zu Beginn ist alles in Bewegung: einige Silben werden auf grünen Zetteln verteilt und die betreffenden Personen gehen nach vorne. JU-ZIN-SCHICH-RA-ME-DUNG-DI-TEG-END-JU-DUNG-BIL. Schon werden die übrigen Lernenden aufgefordert, aus den aufgestellten Personen Wörter zu bilden, z.B. “Medizin” Was ist Medizin? “Medikamente, Arzt, krank, Ärztin, Forschung” wird sofort geantwortet und so wird ein Begriff nach dem anderen gebildet und kurz erörtert.
Nachdem alle Personen mit den Silben in der richtigen Reihenfolge stehen, setzen sie sich wieder.
Gespannt wartet der Saal wie es weiter geht – Stille. Die grosszügige Umgebung wird in jeder Hinsicht genutzt: Jeder soll den Kontakt mit den Studierenden suchen. Blätter werden ausgeteilt und miteinander wird besprochen wie ein Interview geführt wird: Ein Interview unter Kollegen, um Kontakte zu knüpfen – nicht so eines wie in Bern auf dem Bundesamt für Migration. Mit diesem Auftrag schwärmen die Personen aus, verteilen sich an der Uni, um in zehn Minuten wieder zurück zu sein.
Verschiedene Erfahrungen werden mit den Studierenden gemacht: Viele antworteten, sie hätten keine Zeit oder seien gerade am Gehen, andere hätten bereitwillig Auskunft gegeben: Wie sie heissen, was sie studieren, weshalb sie die Uni besetzen.
Zum Abschluss bedanken sich die Moderatoren für die eindrückliche Disziplin und Aufmerksamkeit. Ein schönes Bild, diese motivierten Gesichter einmal zwischen universitären Bänken zu sehen.
Den Sans-Papier eine Stimme geben
Anschliessend an die Besetzung der Predigerkirche im Winter 2008 kam von den Sans-Papier der Wunsch auf, Deutschkurse besuchen zu können. Improvisiert begannen darauf zwei Personen in einem besetzten Haus an der Manessestrasse Deutsch zu unterrichten. Mehrere Lokalitätenwechsel fanden statt und immer mehr Teilnehmende schlossen sich an. Dem entsprechend wurde auch das Moderatorenteam ergänzt, ein grössere Raum wurde benötigt, administrative Aufgaben fielen an, und schliesslich wurde im Sommer 2009 der Verein “Bildung für alle” gegründet. Nach der neuen Weisung, dass Leuten mit einem N-Ausweis (Asylsuchende mit einem noch laufenden Verfahren) keine Deutschkurse mehr bezahlt werden, schnellte die Anzahl der Kursteilnehmenden auf etwa hundert Leute hoch. Die Teilnahme des Kurses ist gratis, es wird aber eine Teilnahme auch am Vereinsleben erwartet.
Zur Zeit werden die Kurse an der Autonomen Schule Zürich (ASZ) durchgeführt, mit der eine sehr enge Zusammenarbeit besteht, wie auch mit dem Bleiberecht Kollektiv. Da die Personen im Asylwesen bereits integriert sind, ist das Ziel des Vereins diesen Personen nun endlich eine Stimme zu geben.